Das Anti-Counterfeiting-Trade-Agreement ist das am besten versteckte, aber eigentlich öffentliche, weil alle und jeden betreffende, Handels- und Urheberrechtsabkommen. Ist ACTA ein Versuch, hinter verschlossenen Türen der digitalen Gesellschaft die Wünsche der Inhalteindustrie aufzudrücken? Ist es ein gerechtfertigter Eingriff in unsere Privatsphäre, wenn wir an der Grenze den Inhalt unserer Festplatte und andere Datenträger dem Zoll zeigen müssen? Was sind die Kehrseiten dieser Politik der Rechteinhaber? Wie hängen virtuelle Güter und reale Vorleistungen zusammen?
Diese und weiterführende Fragen werden auf dieser Podiumsdiskussion in Washington, D.C. in aller Ausführlichkeit besprochen:
(via Boing Boing)
Medienökonomie
16
Jan 10
ACTA auf dem Podium
4
Nov 09
Krise? Welche Krise?
Daniel Gross argumentiert auf Slate.com, dass die Krise der Tageszeitungen in den USA im Moment vor allem zyklisch verschärft wird. Sobald sich das Konsumklima wieder dreht, könnten sich die Kostensenkungen und die gesteigerte Profitabilität in wachsenden Gewinnen niederschlagen.
Innerhalb des letzten Jahres hätten einige Zeitungsunternehmen den turn-around geschafft. Sie haben ihre Abhängigkeit vom Werbemarkt durch gesteigerte Erträge aus dem Geschäft mit Abonnements und Einzelverkäufen reduziert. Und dass, obwohl gleichzeitig die Auflagen gefallen sind. Ein Beispiel liefert die New York Times, schreibt Gross:
“So in the past six months, according to ABC, the New York Times‘ daily circulation fell 7.3 percent, while Sunday circulation was down 2.7 percent. Horreur! And yet, the New York Times Co. reported that in the third quarter, ‘circulation revenues rose 6.7 percent, mainly because of higher subscription and newsstand prices at The New York Times and The Boston Globe.’ In the quarter, circulation revenues were larger than advertising revenues for the first time—$175.25 million, compared with $164.5 million.”
Steile These. Dass die New York Times die Erträge aus dem Lesermarkt steigern konnte, ist natürlich eine gute Nachricht. Leider muss man im selben Geschäftsbericht auch lesen, dass die Einnahmen aller Geschäftsbereiche um 16,9% gefallen sind. Das heißt, die gesteigerte Ertragsfähigkeit im Lesermarkt kann den Absturz der Werbeinnahmen nicht ausgleichen.
Die Frage ist darum: welchen Anteil hat der zyklische Wirtschaftsabschwung am Rückgang der Auflage? Ryan Chittum (CJR Blog) hat dazu eine klare Meinung: Die Leser kommen nicht mehr wieder, selbst wenn der Aufschwung da ist. Denn:
“[T]his is a cyclical downturn on top of a secular one, and the circulation declines are far greater than any on record going back to early World War II.”
Die Leserschaft der Zeitungen ist in den USA schon lange vor der Wirtschaftskrise 2008/2009 zurückgegangen. 1940 ist das einzige Jahr, in dem die Zahlen der NAA tiefer sind als 2009 – in diesem Jahr begann die NAA mit der Auflagenzählung. Die langfristigen Verschiebungen durch Digitalisierung und veränderte Nutzungsgewohnheiten werden durch die aktuelle Krise beschleunigt. Es gab schon vor der Wirtschaftskrise eine Zeitungskrise. Das ist nicht wirklich umstritten.
Das Problem dabei ist einfach, dass die US-Zeitungen pro Leser mehr Umsatz mit Anzeigen gemacht haben, als mit dem Vertrieb (CJR schätz grob, dass pro Dollar aus dem Vertrieb, drei bis vier Werbe-Dollar in die Kassen geflossen sind). Will man bei weniger Lesern zu früheren Umsätzen zurück, muss man den Umsatz aus dem Vertrieb um einen ungleich höheren Faktor steigern. Bei einem 3:1 Verhältnis von Werbungs- zu Vertriebserlösen und einem gleichzeitigen Auflagenrückgang um 10% beispielsweise um ganze 44% (eigene Berechnung).
Deswegen lassen sich die Werbeumsätze kaum mit Vertriebsumsätzen aufwiegen, zumal die meisten Einsparungspotentiale auf der Kostenseite bereits ausgeschöpft sind. Irgendwer muss schon noch im Newsroom das Licht an- und ausmachen. Man kann natürlich auch die Zeitung verteuern, was aber meist einen Auflagenrückgang mit sich bringt.
Ergo? Mehr Umsätze aus dem Vertrieb können nur ein Teil der Lösung sein. Wenn man ausschließlich die Erlösstruktur betrachtet, kommt man dem Problem der Zeitungen nicht nah genug. Das Geschäftsmodell der Zeitungen steht auf allen Ebenen zur Disposition: Vom Nutzenversprechen, über die Zusammenstellung und Distribution der Inhalte, bis zum Erlösmodell. Das sollten alle Lösungsansätze zumindest anerkennen.
UPDATE:
Das Wall Street Journal sieht die Sache ähnlich. Wie dringend das Problem ist, zeigt der Auflagenverlauf der großen Tageszeitungen in den USA in den letzten zehn Jahren (via The Guardian):

US newspaper circulation graph. Illustration: The Awl (from Audit Bureau of Circulations data)
22
Okt 09
Drüber gestolpert II
“An interesting detail in these figures is the stratification of income among different types of users: the average income of passive spectators of usergenerated content sites is significantly higher than the median income of content creators. In other words, the contingent of spectators and inactives, which is much larger than the 13 percent of actual creators, constitutes an appealing demographic to site owners and advertisers. […] Manifestos such as Wikinomics and ‘We-Think’ make one believe that, since every user is an active, creative contributor, the very idea of ‘consumer’ is definitely passé. The term ‘user’ turns out to be a catch-all phrase covering a wide range of behaviour, from merely clicking to blogging and uploading videos. Mass creativity, by and large, is consumptive behaviour by a different name.”
– José Van Dijck and David Nieborg: “Wikinomics and its discontents: a critical analysis of Web 2.0 business manifestos”, In: New Media & Society 2009; 11; S. 861.
14
Okt 09
Drüber gestolpert I
“Wenn man sich die deutsche Zeitungslandschaft anschaut, wie sie sich in den Zahlen von Schütz (2001) spiegelt, wird das Ausmaß deutlich, in dem durch Produktdifferenzierung der Eindruck von Vielfalt entsteht: 136 Publizistische Einheiten mit jeweils unterschiedlichem aktuell-politischen Nachrichten- und Informationsteil auf den ersten Seiten werden von 356 Verlagen als Herausgebern zu 1584 Ausgaben für ganz Deutschland gespreizt, indem Titel, Lokal- und Regionalteile variiert werden.”
– Prof. Dr. Marie Luise Kiefer, “Medienökonomik”, Oldenbourg: München, 2005, S. 95.
6
Okt 09
Ist Journalismus im Web finanzierbar?
Der elektrische Reporter bringt die wesentlichen Standpunkte zusammen:
Im Rahmen der Diskussion sei auch gleich mal auf den Carta Text von Till Kreutzer über den Sinn und Unsinn von Leistungsschutzrechten für Verlage verwiesen.
22
Jun 09
Keine Strategie schadet manchmal auch nicht
Newsweek hat gerade gerelauncht, Time bereitet einen neuen Auftritt vor. Die Umstellungen kommen spät und vor dem Hintergrund fallender Werbeaufwendungen in wöchentlichen Nachrichtenmagazinen in den USA.
Dass es auch anders geht, zeigt der Economist, der im amerikanischen Markt in den letzten Jahren viele Leser gewonnen hat. Ob die etablierten Magazine diesen Erfolg wiederholen können, darf aber angezweifelt werden. Der Economist hat sich als globales Leitmedium für eine internationale Leserschaft positioniert, deren Interesse an der Welt weit über den Horizont des Heimatlandes hinausgeht. Diese Nische ist gut besetzt.
Ausserdem profitiert eins der dienstältesten Magazine der Welt von der nicht-vorhandenen Web-Strategie vergangener Jahre. Paradox? Nicht, wenn man Michael Hirschorn und Bob Cohn vom Atlantic-Magazin über den Niedergang des großen amerikanischen Nachrichtenmagazins diskutieren hört.
Der ganze Artikel ist hier.
28
Apr 09
Drei Mal gegen den Untergang
Drei Leseempfehlungen zur Krise der Zeitungshäuser, die den scheinbar einhelligen Tenor vom Untergang der gedruckten Zeitung in Frage stellen:
- Martin Langeveld führt im Nieman Journalism Lab aus, dass das Internet auch mal gerne überschätzt wird, wenn es um die Nutzerzahlen geht. Einerseits beziehen die Amerikaner laut Eigenauskunft mehr Nachrichten über das Internet als aus der gedruckten Zeitung. Vergleicht man aber die “Page Views” von gedruckten Zeitungen mit den Page Views der Online-Ausgaben, dann findet nur 3% der Zeitungsnutzung im Internet statt, der Rest fällt auf gedruckte Ausgaben. Zahlen und Methodik sind zu diskutieren, beides weist aber auf die schlechte empirische Grundlage in der Debatte um die Zeitungs-Krise hin.
- Der Chefredakteur des Handelsblatts Bernd Ziesemer hat eine wütende Polemik in zehn Teilen verfasst, die auf die Betriebswirte zielt, die ja so gerne Redaktionen zusammen kürzen möchten, und das Herz der Zeitung – die Texte – als Lückenfüller zwischen den Anzeigen verstehen. Ganz besonders sauer ist er auch auf die Experten und Medienjournalisten, die tagein tagaus auf Podiumsdiskussionen und in ihren Blogs die Innovationsrückständigkeit deutscher Journalisten beschwören.
- Den Streit zwischen Web-Evangelisten und Print-Propheten kann man auch als Generationenkonflikt verstehen, schreibt Michael Josefowicz im Mediashift Blog von PBS.
17
Mrz 09
State of the News Media 2009
Der jährliche Report zur Situation der Nachrichtenmedien in den USA ist online. Keine großen Überraschungen, alles ist noch schlimmer als letztes Jahr.
2008:
„The hope that Internet advertising will someday match what print and television now bring in appears to be vanishing … The entire business model of journalism may be in flux in a few years.“
2009:
„It is now obvious that if the news business is to survive in any recognizable form it must invent a new economic model in which traditional advertising is at best only part of the revenue equation.“
“There is, in short, a long way to go for news economics online, and abundant reasons for concern about whether it will ever happen.”
17
Feb 09
Präventive Berichterstattung
Ende Januar hat Carlos Slim, der reichste Mann Mexikos, der New York Times Gruppe mit einer kräftigen Finanzspritze von 250 Mio. US$ auf die Beine geholfen. Die Unterstützung vergrößerte seine Beteiligung an der Gruppe auf über 16%. Da der Industrie-Mogul nicht unbedingt für eine transparente Kommunikationsstrategie bekannt ist, warf das sofort die Frage nach seinem etwaigen Einfluss auf die Berichterstattung über seine Person auf.
Um gleich klarzustellen, dass weiterhin kritische Nachfragen zu Slims Geschäftsgebahren erlaubt sein werden, hat die New York Times in einem Präventivschlag ein kürzeres, dafür aber nicht unbedingt positives Porträt ihres neuen Anteilseigners veröffentlicht.
Dabei zielen einige Kritikpunkte an der Partnerschaft gar nicht auf die Berichterstattung, die erwartungsgemäß unvoreingenommen daherkommt, sondern auf die Partnerschaft selbst. Wenn nämlich eine respektierte Institution mit dem von ihr selbst einst als “Räuber-Baron” betitelten jetzt Geschäfte macht, kann das nur als eine Rehabilitierung in seinem Heimatland aufgefasst werden. Mehr dazu von Andres Martinez im Interview mit On The Media (mit dem tollen Titel “The Real Slim Shady”):
BROOKE GLADSTONE: “You write that even if and when Slim is inevitably criticized by The Times again, he’ll win again. How so?”
ANDRES MARTINEZ: “That’s right. I think it’s a win-win proposition for him. The greatest benefit for him is it legitimizes him. It gives him a Good Housekeeping Seal of Approval within Mexico. It’s the same reason that foreign tycoons give to the Clinton Foundation, that they go to Davos; it’s the same reason Andrew Carnegie built libraries. It diffuses any criticism within Mexico, because if The New York Times, of any institution, will partner up with Carlos Slim, he must be okay.”
“And to the extent that there is negative coverage of him or the lack of any kind of antitrust regulation in Mexico going forward, he can then really brag about the fact that even this newspaper that he basically is in the process of saving can take shots at him.”
1
Feb 09
Montag ist “Kauf Eine Zeitung” Tag
Zeitungen steigen immer weiter hinab in der öffentlichen Wahrnehmung. Früher, vor Fernsehen und Internet, war eine Zeitung der Nachrichtenlieferant. Aus und vorbei. Im letzten Jahr taugten Zeitungen nur noch als Erinnerungsstücke, die historische Momente mit Druckerschwärze festhalten.
Und jetzt sind sie auf einer Stufe mit den bettelarmen Kindern aus der Spendenwerbung angekommen. Hilflos, kaum zu retten, auf Almosen angewiesen. Darum gibt es in den USA eine Initiative namens “National Buy a Newspaper Day“, die sich dafür einsetzt, den dahinsiechenden Zeitungshäusern vor ihrem Ende noch einige Tage am Lebenserhaltungssystem zu verschaffen.
Alle US-Bürger sind aufgerufen, am Montag den 2. Februar eine Zeitung zu kaufen. Auch und gerade wenn man sonst eigentlich nur das Gratis-Blatt liest, ein Abo hat oder Zeitungen nur aus den Nachrufen kennt, die regelmäßig im Internet veröffenlicht werden.
Ob das jetzt Palliativmedizin, Placebostrategie oder Wohlfühlmedizin in homöopathischen Dosen ist, läßt sich schwer sagen. Auf jeden Fall scheint kaum jemand mehr ein Überleben der US-Zeitungen aus eigener Kraft, wie unwahrscheinlich auch immer, für ein potentielles Szenario zu halten.
Dabei sind doch die Zeitungen der letzte verbliebene Statthalter eines ernsthaften Lokaljournalismus, glauben die Organisatoren der Initiative:
Unlike radio which has become dominated by opinion or TV news which only looks for the 30 second sound bite, the local newspaper digs deep every day to get you, the reader, the full story on what’s happening in your town.
So wird natürlich trotzdem nicht das Dilemma gelöst, kein tragfähiges Geschäftsmodell parat zu haben, aber den Erhalt der Institution zu fordern. Vielleicht wäre es hilfreicher, wenn jeder, der am Erhalt der Presse interessiert ist, nicht einmal im Jahr eine Zeitung kauft, sondern an eine Stiftung spendet, die teuren investigativen Journalismus finanziert, wie das etwa Pro Publica in den USA tut.
Vielleicht gibt es das ja auch bald für Lokaljournalismus. Dann könnte man statt an die Zeitungen zu spenden, einfach Nachrichten selbst als Spende an die Öffentlichkeit verteilen, in Form von karitativem Journalismus.
All Things Considered