Wissenschaft


13
Jul 10

Globalisierung und Medienwandel sind Realität. Zeit, dass sich der Journalismus ihnen stellt.

Wenn uns die Finanzkrise eines vorgeführt hat, dann, dass Globalisierung vor allem wechselseitige Verwundbarkeit bedeutet. (…)

Es braucht einen Journalismus, der es wieder wagt, mit guten Gründen zu misstrauen. Denn nur so ist eine Krise des Vertrauens, wie sie im Moment besteht, zu vermeiden: indem wir rechtzeitig und begründet Zweifel äußern. (…)

Und hier braucht es einen Journalismus, der die Anderen nicht nur als Andere begreift, sondern diese Verwobenheit auch abbildet; der die Anderen als Eigene thematisiert – weil sie ein Recht haben, an den Diskussionen beteiligt zu werden, die sie selbst betreffen.

via taz.de

Carolin Emcke über die Anforderungen an Journalismus in der globalisierten Realität. Kürzer und eingängiger wurden die demokratischen Defizite, die durch nationalstaatlich orientierte Öffentlichkeiten in einer fragmentierten Medienwelt entstehen, bisher nicht beschrieben.


30
Jan 10

Kostenloses E-Book zum Thema Netzneutralität

Beim Thema Netzneutralität geht es um die Fähigkeit von Internet Service Providern (ISPs), bestimmte Kunden oder Internet-Anwendungen zu benachteiligen, indem ihre Verbindungsgeschwindigkeiten gedrosselt oder ihre Verbindungen gleich ganz gekappt werden.

Das ist zum Beispiel ein Problem für P2P-Netze, die viel Datenverkehr verursachen und darum bei den ISPs nicht gut gelitten sind. Andersherum könnten die ISPs auch für den schnelleren Zugang zu beliebten Seiten wie YouTube eine zusätzliche Abgabe von Endkunden oder Anbietern verlangen. Die Vertreter von strikter Netzneutraliät fordern deshalb, dass jeder Datenverkehr im Internet neutral und damit gleich behandelt wird.

Christopher Marsden hat einen guten Überblick zum Thema geschrieben, indem er auf technische Hintergründe sowie ökonomische und politische Konsequenzen der Debatte eingeht. Und das ganze erfreulicherweise mit einem Fokus auf die Entwicklung in Europa. Sein Buch Net Neutrality hat Bloomsbury vorbildlich unter einer CC-Lizenz als kostenloses PDF zur Verfügung gestellt.

Marsden schaut dabei über das markt-radikale Paradigma der neoklassischen Ökonomie hinaus, fällt aber auch nicht in die Falle der Web-Evangelisten, für die alle Information frei sein muss. Seine eigene Position ist so etwas wie ein mittlerer Weg, der Netzneutralität als Verbraucherschutzthema und Gegenstand der Medienpolitik verortet. Dass er damit niemanden glücklich macht, weiss er selber,  sieht aber keine andere pragmatische Lösung.

Hier ist ein Ausschnitt aus der Einleitung über die gesellschaftlichen Implikationen der Debatte:

“The network neutrality debate is only in part about economics and technology, despite what you might surmise from various pro-competitive statements by academics and the shape of the US and European debates. The extent to which even lawyers have been drawn into an open-ended debate regarding the merits of duopoly versus inset competition in telecoms, or the relative merits of open interoperable software environments versus proprietary property rights-based or corporate developments, or the benefi ts of endto- end ‘dumb’ networks versus intelligent networks, displays the capture of the subject by economists and corporate technologists. The issues at stake are more fundamental to society than that. As a lawyer who has written for over a decade in favour of pro-competitive telecoms and media policy, I am not ashamed or abashed to state that I emphasize that communications policy is about fundamental rights of citizens as well as public welfare for consumers, and that it is about educated and informed users as well as optimally priced access networks. In short, what is needed is a balanced approach towards network neutrality as a central plank of a converged communications policy, ideally one which tries to both increase competitive choices for consumers as well as ensure the fundamental right for citizens to access the public Internet.” – Christopher T. Marsden: Net Neutrality – Towards a Co-regulatory Solution, London: Bloomsbury Academic, 2009, S. 1.


1
Dez 09

The New News Audience

Der Wandel des amerikanischen Nachrichtenpublikums, in Zahlen gefasst vom PEW Research Center:

Die deutsche Perspektive gibt es bei Hugo E. Martin, der die Ergebnisse der JIM-Studie über das Informationsverhalten und die Mediennutzung deutscher Teenager zusammengefasst hat.


29
Nov 09

Wie demokratisiert man Aufmerksamkeit?

Danah Boyd schreibt über die gesellschaftlichen Möglichkeiten, die durch die Beseitigung von Gatekeepern im Internet entstehen:

“Switching from a model of distribution to a model of attention is disruptive, but it is not inherently democratizing. This is a mistake we often make when talking about this shift. We may be democratizing certain types of access, but we’re not democratizing attention.”

Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der alles (potentiell) öffentlich ist, weil jeder im Internet Publizität herstellen kann. Veröffentlichung ist kein Relevanzkriterium mehr. Wer warum welche Informationen wahrnimmt, hängt damit wesentlich von anderen Faktoren als Öffentlichkeit ab.

Bloß: Diese Faktoren sind nicht in sich selbst demokratisch. Aufmerksamkeit folgt keinen meritokratischen Auswahlkriterien, sondern unterliegt strukturellen Vorbedingungen, die in die Analyse der Informationsflüsse einbezogen werden müssen. Die Fähigkeit, Relevanz herzustellen, ist ein Machtinstrument, das durch die Vielzahl der Informationen im Netz an Bedeutung gewinnt.

Eine umfassende Analyse muss darum folgendes miteinbeziehen: Welche Knotenpunkte im Informationsnetzwerk verfügen über kommunikative Macht (siehe Manuel Castells)? Welche Dynamiken formen die Diskussion über ein Thema, und wie wählen Menschen ihre Informationsquellen aus (siehe z.B. Cass Sunstein)?

Um die ideale demokratische Ausgestaltung der vernetzten Informationsgesellschaft (siehe Yochai Benkler) zu bestimmen, muss die Struktur der Online-Öffentlichkeit erst noch erforscht werden. Die Demokratisierung von Aufmerksamkeit ist dabei eine zentrale Frage.


27
Nov 09

Drüber gestolpert III

“Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben. Ansonsten ist es ein echter Turbolader für überindividuelle Prozesse. Auf einem Fernseher versucht man ja auch nicht, jeden einzelnen Bildpunkt zu analysieren. Im Internet geht es tatsächlich immer ‘ums Ganze’.”

Prof. Dr. Peter Kruse im Interview in der Süddeutschen Zeitung über die Thesen von Frank Schirrmacher zur Informationsüberflutung im Netz. Mehr Ideen von Prof. Kruse gibt es hier.


26
Sep 09

Der Monty Burns von Harvard

Jedes Jahr belegen knapp tausend Harvard-Studenten die Vorlesung von Michael J. Sandel über Moral, Ethik und Gerechtigkeit. Prof. Sandel gibt diese Vorlesung seit dreissig Jahren. Gerüchteweise saßen schon die Simpsons-Autoren im Auditorium, und verewigten den Professor als Monty Burns im Pop-Universum, schreibt die New York Times in einem längeren Artikel.

Dabei steht das Verhalten vom Kraftwerk-Magnaten in Springfield natürlich diametral zu den von Prof. Sandel gepredigten Werten. Die beiden teilen also nur das Aussehen. Vielleicht lässt sich der Professor  ja dazu hinreißen, den Simpsons-Charakter in seiner Vorlesung als Anti-Beispiel einzubauen.

Grandioserweise hat sich Harvard dazu entschlossen, den beliebten Kurs per Internet und Fernsehen fei zugänglich zu machen. Der Professor wird professionell ausgeleuchtet, und zusätzliches Material zur Vorlesung wird auch bereit gestellt. Es gibt auch ein neues Buch, ganz uneigennützig handeln also selbst Moralphilosophen nicht.

Hier ist das Video von der Einführung, der gesamte Kurs ist hier zu finden.


23
Sep 09

r:k:m – Ein Rezensionsmagazin für die Kommunikationswissenschaft

Vor einigen Tagen ist r:k:m gestartet, ein Onlinemagazin, das Neuerscheinungen mit kommunikationswissenschaftlichem Schwerpunkt rezensieren wird. Das Magazin ist eine Gemeinschaftsgründung der Publizistik- und Journalismusinstitute in Dortmund, Bochum und Essen. Wenn die Autoren mit dem Rezensieren nachkommen, könnte es eine zentrale Anlaufstelle für den Überblick über neue Forschungsliteratur werden.

Warum das Magazin lange überfällig war, und wie es zur Gründung kam, beschreibt Tobias Eberwein ausführlich. Anstelle eines Editorials steht dieses Video-Interview mit einem der Herausgeber, Horst Pöttker:


22
Jun 09

Was läuft falsch an der FU Berlin?

Eine Antwort von Studierenden und Professoren auf den SelbstbeweihräucherungsImage-Film der Freien Universität Berlin.

FU – Eine Gegendarstellung from bildungsstreik09 on Vimeo.


7
Aug 08

Faith-Based Organizations and Welfare Services

Etwas verspätet, aber trotzdem aktuell: ein Essay von mir zu den sogenannten Faith-Based Organizations, die in den USA seit einer Gesetzesinitiative von Präsident Bush vermehrt Wohlfahrtleistungen im Zusammenarbeit mit dem Staat übernehmen.

Das ist deswegen etwas neues, weil diese Organisationen nach der Gesetzesänderung ihre Religiösität eindeutig präsentieren dürfen, die von ihnen angebotenen Leistungen an Bedürftige also eventuell auch Rekrutierungszwecken dienen. Im Essay wird die Diskussion zusammengefasst und einige Forschungsergebnisse vorgestellt.

Den Essay gibt’s hier.


9
Mai 08

Interaktivität von Nachrichtenwebsites

Das britische Online Journalism Blog sammelt seit einiger Zeit Daten zur Interaktivität von Nachrichtenwebsites. Daraus ergibt sich dieses Tool, das den bisherigen Datenbestand vergleichbar macht:

Deutsche Seiten sind noch nicht dabei, die findet man aber bei Wortfeld.de. Dort hat Alexander Svensson mit einem Wiki zu den Features deutscher Tageszeitungwebsites ähnliches versucht. Insgesamt ist der Datensatz des Online Journalism Blog eher dürftig, interessant ist der Versuch trotzdem. Interaktivität ist in der Kommunikationswissenschaft ein bekanntes und auch einigermassen gut erforschtes Konzept.

Das Problem der Wissenschaft ist gerade bei diesem Konzept aber meist die theoretische Begründung. Bei Interaktivitäts-Studien werden häufig demokratie-theoretische Aspekte bemüht, um die Wichtigkeit von interaktiven Elementen zu unterstreichen. Ein Lieblingsbeispiel ist die Möglichkeit, mit einem Forum die Diskussion zwischen den Lesern und den Journalisten möglich zu machen. Natürlich wird nicht die freie Welt gerettet, wenn jede Nachrichtenwebsite so ein Forum implementiert – in der Begründung, warum man denn jetzt genau diese Studie macht, hört sich das aber häufiger so an. In der Realität scheitern gerade diese interaktiven Features meist an dem geringen Partizipationswillen der User oder der Zerstörungswut einiger weniger, das hilft der Demokratie natürlich herzlich wenig.

Manchmal ist es einfach interessant, herauszufinden, wer denn nun die Interaktivität am stringesten umsetzt. Sowas kann man in einem Artikel für ein wissenschaftliches Journal natürlich nicht einfach behaupten, und das ist auch richtig so. In einem Blog geht das natürlich. Ich bin mir sicher, dass der ein oder andere Kommunikationswssenschaftler die naive Datensammelwut der Blogger beneidet. Forschen weil es Spaß macht, nicht weil etwas in einen größeren Zusammenhang gestellt werden muss. Nur die Qualität der Ergebnisse, die darf man dann nicht überbewerten.