Bürgerjournalismus


28
Jan 10

Arte Themenabend “Journalismus auf Abwegen”

Arte knüpft sich am 9. Februar die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter vor. Der dreiteilige Themenabend scheint sich darauf zu konzentrieren, was die Schattenseiten sind, wenn jeder im Inernet ungefragt und ungeprüft seine Meinung publizieren kann.

“Dadurch, dass es für jedermann möglich ist, per Internet ungebremst und ohne Prüfung des Wahrheitsgehalts seine Meinung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie gar als Nachricht zu tarnen, werden die Arbeitsbedingungen für seriöse Journalisten immer schwieriger. Wer sind die Meinungsmacher heute?”, fragt Journalismus auf Abwegen.

Und zur gleichen Zeit (der Arte-Programm-Guide gibt mir Rätsel auf) erklärt Verloren im Nachrichtendschungel: “Denn auf Tausenden von Webseiten und Blogs werden zahllose mehr oder weniger gut recherchierte Informationen, Gerede und Gerüchte verbreitet. In diesem allgemeinen Informationsdurcheinander erlangt die Meinung eines Ideologen oder Aktivisten nicht selten den gleichen Stellenwert wie die eines Experten, eines anerkannten Wissenschaftlers oder Forschers.”

Immerhin dürfen sich die Journalisten im Anschluss auch noch selbst bezichtigen: “Der ehemalige Chefredakteur des großen französischen Wochenmagazins “L’Express”, Denis Jeambar, hat neun Kollegen aufgefordert, in seiner Dokumentation ihrem Unmut über den Niedergang des seriösen Journalismus freien Lauf zu lassen. Die prominenten Medienvertreter enthüllen sämtliche Auswüchse des Nachrichtengeschäfts und fordern eine Rückkehr zu den journalistischen Grundprinzipien.”

Arte Themenabend Journalismus, Dienstag, 9. Februar 2010

(via DVG)


29
Nov 09

Wie demokratisiert man Aufmerksamkeit?

Danah Boyd schreibt über die gesellschaftlichen Möglichkeiten, die durch die Beseitigung von Gatekeepern im Internet entstehen:

“Switching from a model of distribution to a model of attention is disruptive, but it is not inherently democratizing. This is a mistake we often make when talking about this shift. We may be democratizing certain types of access, but we’re not democratizing attention.”

Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der alles (potentiell) öffentlich ist, weil jeder im Internet Publizität herstellen kann. Veröffentlichung ist kein Relevanzkriterium mehr. Wer warum welche Informationen wahrnimmt, hängt damit wesentlich von anderen Faktoren als Öffentlichkeit ab.

Bloß: Diese Faktoren sind nicht in sich selbst demokratisch. Aufmerksamkeit folgt keinen meritokratischen Auswahlkriterien, sondern unterliegt strukturellen Vorbedingungen, die in die Analyse der Informationsflüsse einbezogen werden müssen. Die Fähigkeit, Relevanz herzustellen, ist ein Machtinstrument, das durch die Vielzahl der Informationen im Netz an Bedeutung gewinnt.

Eine umfassende Analyse muss darum folgendes miteinbeziehen: Welche Knotenpunkte im Informationsnetzwerk verfügen über kommunikative Macht (siehe Manuel Castells)? Welche Dynamiken formen die Diskussion über ein Thema, und wie wählen Menschen ihre Informationsquellen aus (siehe z.B. Cass Sunstein)?

Um die ideale demokratische Ausgestaltung der vernetzten Informationsgesellschaft (siehe Yochai Benkler) zu bestimmen, muss die Struktur der Online-Öffentlichkeit erst noch erforscht werden. Die Demokratisierung von Aufmerksamkeit ist dabei eine zentrale Frage.


29
Sep 09

Mit spitzer Kreide

Die gesamte Ausgabe der Daily Talk, Monrovia, Liberien. Photo by: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Monrovia_news_board_2008.jpeg

Monocle hat eine wunderschöne Story über die liberianische Zeitung The Daily Talk, die täglich eine vierstellige Zahl an Lesern mit nur einer einzigen Ausgabe erreicht. Der Reporter, Redakteur und Geschäftsleiter in Personalunion Alfred Sirleaf schreibt jede Ausgabe Buchstabe für Buchstabe auf eine Kreidetafel nahe einer belebten Strasse.

Die englische Wikipedia weiß folgendes zu berichten:

The founder, managing editor and sole employee of the Daily Talk is Alfred J. Sirleaf, who is reported to have founded his blackboard newspaper because of his belief that a well-informed citizenry is the key to the rebirth of Liberia after years of civil war. He compiles his stories daily from newspaper reports and messages by volunteer correspondents. The Daily Talk is free to read, and is funded by occasional gifts of cash and pre-paid cellphone cards. It even has its own suggestion box for its readers and followers.

Und das beste: Es funktioniert! Laut der New York Times ist The Daily Talk die am meisten gelesene Informationsquelle in Monrovia, Liberias Hauptstadt.


15
Jul 09

CNN und die Bürgerjournalisten

“Für uns ist es zwecklos, den Versuch zu unternehmen, das Internet in puncto Geschwindigkeit zu schlagen.” So fasst Frederik Pleitgen, CNN Korrespondent in Deutschland, die Lage des 24-Stunden Nachrichtenkanals zusammen. Anstatt die neuen Nachrichtenkanäle zu ignorieren, oder als bloße Verlängerung des eigenen Angebots zu behandeln, sollten Blogs, Micro-Blogs und soziale Netzwerke in den Prozess der Berichterstattung aufgenommen werden, so Pleitgen weiter im Interview.

Frederik Pleitgen war letze Woche Gast im Reporting America Seminar, das ich mitorganisiert habe. Bei der Gelegenheit haben wir ihm gleich ein paar Fragen zur CNN Strategie im Umgang mit dem Internet gestellt:

Beachtenswert finde ich, dass die Bürgerjournalisten nicht nur als Publikum betrachtet werden. Ihre Berichte sollen aktiv in den Nachrichtenredaktionen genutzt werden, um die Breite der verfügbaren Quellen zu erweitern. In diesem Kontext muss man auch iReport sehen – die von CNN bereitgestellte Webseite, auf der Bürgerjournalisten Beiträge veröffentlichen können. Natürlich kann diese Beziehung auch in die andere Richtung funktionieren, indem die Redaktionen durch Rückmeldungen auf den wesentlichen Plattformen größere Transparenz schaffen.

Die Frage bei der Einbindung von Bürgerjournalisten ist: Wie ernst werden die neuen Mitarbeiter genommen? Wenn CNN lediglich hofft, einige exklusive Fotos abschöpfen zu können, dann ist das eine sehr beschränkte Umsetzung der Möglichkeiten, die sich durch das Einbinden von Amateuren ergeben.

Vielversprechender sind Konzepte wie “Off The Bus“. 2007 hatte die Huffington Post und Journalismus-Vordenker Jay Rosen das Projekt gestartet, in dem Freiwillige ausgebildet und angeleitet wurden, um die US-Präsidentschaftswahlen journalistisch zu begleiten. So sollte die Kompetenz des Medienpartners mit dem Enthusiasmus der Amateur-Journalisten verbunden werden. Wie man die Herangehensweise auch beurteilen mag, “Off The Bus” hat Einfluss demonstriert. Am Ende fussten einige der brisantesten Momente im Wahlkampf auf den Berichten der Bürgerjournalisten.

Ireport hat bisher eher mit falschen Berichten über die Gesundheit von Steve Jobs Schlagzeilen gemacht. Aber gut, immerhin öffnet sich CNN via Twitter und anderswo der Netzgemeinde. Ganz zu schweigen vom Druck, den die Watchblogs und Medienblogger auf die alltägliche Arbeit der CNN-Journalisten ausüben, wie Pleitgen auch im Gespräch erwähnt.


29
Mai 08

Und sie können es doch!

Bürgerjournalisten wird gerne abgesprochen, eigenständig Nachrichten recherchieren und verarbeiten zu können. Deswegen ist eine der spannendsten Fragestellungen, wie Bürgerjournalisten Nachrichten produzieren. Zvi Reich erforscht an der israelischen Ben-Gurion-Universität genau das. Sein Befund: Ja, sie können.

Auf der jährlichen ICA-Konferenz hat er kürzlich seine Ergebnisse vorgestellt, die aus einem Vergleich dreier israelischer Mainstream-Nachrichtenmedien mit einem Portal für Bürgerjournalisten mit dem schönen Namen Scoop! hervorgehen. Dort waren 52% der Meldungen originäre Nachrichten, die nicht aus anderen Medienberichten hervorgingen. Keine schlechte Quote.

Wie hat er das herausgefunden? Klar ist: Max Mustermann von nebenan braucht schon eine verdammt gute Geschichte, um damit in der Zeitung zu landen. Paris Hilton oder die Bundeskanzlerin stehen fast jeden Tag drin.  Je höher die Position der Quellen oder die Macht ihrer Institution, umso einfacher fällt es diesen Quellen, Berichterstattung in der Zusammenarbeit mit Medienvertretern zu erwirken. Zvi Reich kehrt dieses Modell um. Statt bei den Quellen anzusetzen, fragt er, wie die Einbindung von Reportern in Institutionen wie einer Redaktion den Zugang zu den Quellen beeinflusst.

Die ersten Ergebnisse weisen auf eine asymmetrische Beziehung der Bürgerreporter zu ihren Quellen hin. Während redaktionell eingebundene Journalisten ihren Informanten durch die Macht ihrer Organisation gestärkt gegenübertreten können, fehlt den Bürgerreportern diese Einbindung. Sie bekommen nur Zugang zu schwachen Quellen mit wenig Einfluss aus ihren Positionen heraus. Die Gründe liegen laut Reich in der fehlenden organisatorischen Vernetzung, der ineffizienten Arbeitsteilung, dem begrenzten journalistischen Fachwissen und der geringen organisatorischen Kontrolle von Bürgerreportern.

Aber: Sie können es. Grundsätzlich rüttelt dieser Befund ein weiteres Mal an der klassischen Definition von Journalismus. Wo zieht man die Grenzen? Ist ein Journalist jemand, der der Öffentlichkeit Informationen bereitstellt? Oder jemand, der aufgrund seiner Ausbildung und seiner Kenntnisse Information auswählen und verarbeiten kann, um sie dann publikumsgerecht zu verpacken? Und kann man Bürgerjournalisten mit einer vom klassischen Journalismus abgeleiteten Definition überhaupt gerecht werden?

Ich glaube nein, und das ist auch das Problem vieler Ansätze in diesem Bereich. Mit den herkömmlichen Kategorien sind diese freien Formen des Publizierens nicht zu fassen. Die Autoren haben ganz neue Motivationen, die Plattformen unterscheiden sich grundsätzlich und das Publikum will häufig auch etwas anderes, als es ein Leser von der gedruckten Tageszeitung verlangt. Das ist mit den Charakteristika einer redaktionellen, kommerzialisierten Journalismus kaum zu beschreiben.