Soziales


23
Aug 11

Wie das PR in die PResse kommt und was wir dagegen tun können

Eigentlich eine Platitüde: Das Internet schafft neue Öffentlichkeiten. Was das aber neben Bürgerjournalismus und Blogosphäre auch bedeutet, illustriert ein gemeinsamer Bericht von ProPublica und dem Columbia Journalism Review in aller Dringlichkeit. John Sullivans True Enough ist ein lesenswerter Überblick über die zweite Blüte der PR-Industrie im digitalen Zeitalter.

Eines wird sehr deutlich: Der digitale Wandel eröffnet nicht nur neue Arenen für den öffentlichen Austausch, er verändert auch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Diese Tatsache zeigen beispielsweise Robert McChesney und John Nichols auf, in dem sie die Zahl der Journalisten in den USA mit der Zahl der PR-Agenten vergleichen. 1980 kamen auf 100.000 US-Einwohner 45 PR-Agenten und 36 Journalisten. 2008 waren es 90 PR-Agenten und nur noch 25 Journalisten.

Hauptberufliche Journalisten im Vergleich mit PR-Arbeitern

Die Klage über die Abhängigkeit journalistischer Organisation von der Handfütterung durch PR-Kontakte ist natürlich nicht neu. Neu ist, dass die PR-Agenturen keine willfährigen Journalisten mehr benötigen, um den Standpunkt ihrer Auftraggeber der Öffentlichkeit zu verkaufen. Genau wie die viel gepriesenen Bürgerjournalisten bedient sich die PR-Maschinerie digitaler Distributionskanäle, um in direkten Kontakt mit dem Ziel ihrer Botschaften – an uns, die Konsumenten und Wähler – zu treten.

Leonard Downie Jr., ehemaliger Journalist Washington Post formuliert im Artikel diese Einsicht so:

“Let’s take a hypothetical situation in which there had been no reduction in the media; at the same time, there still would be growth in the ability of public relations people to directly reach the public. They are filling a space that has been created digitally.”

Ein digitales Vakuum also, das von der PR-Industrie mit Luft gefüllt wird. Was offen bleibt, ist die Frage, wie der Übermacht kommerzieller Interessen in der Öffentlichkeit entgegen zutreten ist. Eine mögliche Ableitung: In den USA muss die (finanzielle) Krise des professionellen Journalismus konsequenterweise als Aufforderung an die Zivilgesellschaft verstanden werden, ihren Kampf um die öffentliche Sphäre zu verstärken.

Die Crux ist: Die neuen Veröffentlichungsfreiheiten, der Tanz auf dem Grab der Gatekeeper, die Euphorie über eine wahrhaft demokratische, weil vernetze Öffentlichkeit - all diese digitalen Möglichkeiten beinhalten zugleich die Verantwortung, sie zu nutzen. Die Zivilgesellschaft, wir alle, werden nicht umhinkommen, uns an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen. Und zwar nicht als passive Konsumenten von Meinungen, sondern als aktive Lautsprecher.

Viel wurde und wird über das rückständige Selbstbild der Journalisten gejammert: Zu hochnäsig, zu wenig Dialogbereitschaft, nehmen ihre Leser und deren Fachkenntnisse nicht ernst, verschanzen sich hinter ihren Redaktionsschreibtischen. Kurz: Das Publikum ist plötzlich auf Augenhöhe und die Journalisten haben es verschlafen.

Vielleicht ist es an der Zeit, auch mal über das Selbstbild der Mediennutzer nachzudenken. Wie heißt es so schön bei Clay Shirky? “Everyone is a Media Outlet”. Nur: Nehmen wir das auch ernst? Haben die “Menschen, die früher nur im Publikum saßen” (Jay Rosen) ihre neue Rolle als Medienmacher schon wahr- und angenommen?

Denn den 25 einsamen Journalisten muss jemand an die Seite gestellt werden. Klar, niemand kann verlangen, dass Max Mustermann bloggen als neues Hobby entdeckt, zumal nicht auf dem Niveau eines hauptberuflichen, ausgebildeten Journalisten. Aber: Man kann Initiativen wie ProPublica unterstützen, sich bei Flattr anmelden, Nachrichtenströme aggregieren und kuratieren, den eigenen Facebook-Feed nicht zu einer Ansammlung von Katzen-Clips verkommen lassen. Getreu dem Motto: “Sharing is Caring”. Jeder hat etwas zu sagen. Und sich einbringen ist so einfach, man kann flattern, liken, tweeten und neuerdings auch plussen. Wenn wir von uns selbst diese Teilhabe nicht einfordern, versinken wir eines Tages im PR-Strom.

(Zugegeben, in Deutschland, dem Land des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, stellt sich die Situation nicht so drastisch dar wie in den USA. Wie sich dieser Befund als Argument in der Diskussion um die öffentlich-rechtliche Expansion im Internet auswirkt, darüber denken wir ein anderes mal nach.)


27
Jun 09

Wie weit darf Pressefreiheit gehen?

In Deutschland haben wir klare Vorstellungen von zulässigen und unzulässigen Formen journalistischer Berichterstattung. Abgeleitet aus §1 GG “Die Würde des Menschen ist unantastbar” haben die meisten Menschen ein Anrecht auf Privatsphäre und können nicht so ohne weiteres gegen ihren Willen in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Diese Grundsätze werden immer wieder geprüft und abgeklopft, sind aber in ihren Grundfesten ganz solide in der deutschen Gesellschaft verankert.

Ganz anders der Ansatz in den USA: Die staatliche Einmischung in die Meinungsäußerungen der Bürger soll so gering wie möglich gehalten werden. Dass ein Gesetz die Leugnung des Holocausts unter Strafe stellt, ist unter diesem Gesichtspunkt undenkbar. Darum werden auch Angeklagte oder Verdächtigte in der Presse mit vollem Namen genannt.

Erstmal kein Problem, zwei Länder, zwei Rechtsauffasungen. Leider kann man aber von Deutschland aus ganz einfach auf amerikanische Nachrichtenseiten zugreifen. In diesem Moment wird der Versuch, bestimmte Fakten oder Namen aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten, unterlaufen. Das weiche Recht auf Menschenwürde in Deutschland verliert gegen den pragmatischen Vollzug des Rechts auf Informationsfreiheit in den USA.

Diese Entwicklung und verwandte Fragen haben wir vor einigen Tagen im Tapmag-Seminar “Reporting America” mit dem Journalisten und USA-Erklärt-Blogger Scot W. Stevenson besprochen. Hier ist das Video von der Sitzung, Stevenson geht sehr genau auf die unterschiedliche rechtliche Basis der beiden Systeme ein, und zieht weitere Schlüsse aus den Gegensätzen.


2
Feb 09

Wahlkampf im Netz: Die Macht der neuen Medien

Das ist der Titel der diesjährigen internationalen Medienkonferenz, die am 19. März im Atrium der FAZ in Berlin stattfindet (hier meine Zusammenfassung aus dem letzten Jahr). Das Ganze wird organisiert von InWent, eine Initiative, die Journalisten in Entwicklungsländern fördert. Dementsprechend multinational ist das Podium besetzt, was darauf hoffen läßt, das ein wenig mehr als nur die amerikanisch-europäischen Erfahrungen mit dem Thema beleuchtet werden.

Wie verändern Blogs, soziale Netzwerke und mobile Kommunikation die Umstände und damit die strategische Ausrichtung von Wahlkampagnen? Werden politische Prozesse im neuen Medienumfeld transparenter? Das ist bestimmt auch aus asiatischer und afrikanischer Perspektive spannend. Mit dabei ist die New Yorker Professorin Nancy Scola, die auch das Techpresident-Blog betreibt, und ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet neue Medien und Wahlkampf ist.

Ausserdem:

  • Prof. Harry Dugmore, Südafrika, Lehrstuhl für Medien und Mobilkommunikation an der Schule für Journalismus und Medienstudien, Rhodes Universität
  • Prof. Werner D’Inka, Deutschland, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (einer von der FAZ muss halt dabei sein)
  • Dele Olojede, Nigeria, Vorstand von Timbuktu Media und Pulitzer-Preisträger
  • Premesh Chandran, Malaysia , Vorstand von Malaysiakini.org
  • Faizullah Jan, Pakistan, Dozent an der Fakultät für Journalismus und Massenkommunikation an der Universität Peschawar

Wann: Donnerstag, den 19. März 2009, in 10117 Berlin (Mitte), Atrium der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mittelstraße 2-4. Anmeldeschluss ist der 12. März 2009. Das Programm ist hier (pdf).


12
Dez 08

Amy Goodman in Berlin

Die Journalistin und Gründerin von Democracy Now ist heute in Berlin, um ihr neues Buch “Standing Up to the Madness” vorzustellen. Amy Goodman hat während der Vorbereitung und der ersten Phase des Irak-Kriegs einige der wenigen Perspektiven geliefert, die das distanzlose Hinterhertrotten der amerikanischen Mainstream-Medien hinter den Vorgaben der US-Regierung in Frage gestellt hat.

DemocracyNow.org ist ein wichtiger Knotenpunkt für alternative Nachrichten für ein amerikanisches Publikum, das über manche Themen ansonsten überhaupt nicht informiert wird. Amy Goodman spricht heute um 18.30 im Hauptgebaäude der Berliner Humboldt-Universität Unter-den-Linden im Raum 1070. Eine Anmeldung ist nicht benötigt. Mehr Infos hier: http://tour.democracynow.org/2008/12/berlingermany1.html.

Gestern war Amy Goodman mit ihrer Sendung in Hamburg und hat dort Matthias Müller von Blumencron, SPIEGEL-Chefredakteur, getroffen. Mit ihm hat sie über die SPIEGEL Berichterstattung zur Präsidentschaftswahl in den USA gesprochen. Ihr zweiter Interviewpartner ist Kurt Groenewold, der Mitglieder der Roten Armee Fraktion vor Gericht vertreten hat, und der zum Beispiel Otto Schily als Oportunisten aburteilt, dem es im Grunde egal ist, ob er die RAF oder das BKA vertritt.


12
Apr 08

Ist Bild Boulevard?

Donnerstag war ich im berliner Café Einstein um Stefan Niggemeier (BildBlog) und Roger Boyes (The Times) bei einem Gespräch über die Bild-Zeitung zuzuhören.

Anlass war der Umzug der Bild nach Berlin, inhaltlich ging es um eine Art Bestandsaufnahme. Was ist das System Bild-Zeitung, wo kann man sie verorten, macht Bild Boulevard und wie positioniert sich die Bild selbst in der politischen Landschaft?

Abgehandelt wurde das alles anhand der bestimmenden Themen der letzten Zeit. Roland Kochs irre geleitete Strategie in Hessen, massivst unterstützt von der Bild, galt als Gegenbeweis der These, dass die Bild den Puls der Nation besser als alle anderen kennt. Die Unterstützung für den Erhalt des Flughafen Tempelhofs in Berlin illustrierte die Furcht und Herablässigkeit, mit der in der Zeitung die Argumente der Gegenseite aufgeführt werden – nämlich gar nicht.

Ganz aktuell war die Ente über die Abschaffung der Synchronisation von ausländischen Filmen im Fernsehen durch die EU. Die bewies gleich zweierlei: Fehler werden nicht eingestanden und eine Hand weiß nicht was die andere tut. Dann noch der Lidl-Skandal, Bild berichtete über die Fehltritte des guten Geschäftspartners nur in Kurzform, größer war die Meldung, das Bespitzelungen auch bei Edeka, Plus und anderen vorkommen.

Das System dahinter basiert laut Niggemeier auf folgenden Eckpunkten:

  • Stufenweise Desinformation – Artikel werden bis zu fünf mal durchredigiert, wobei jeder Redakteur immer nur die Version vom Vorgänger kennt. Ob das Ergebnis mit der Originalversion noch in Einklang zu bringen ist, erfährt der Reporter am nächsten Morgen aus der Bild. Solch eine Arbeitsweise hilft beim Zuspitzen, aber nicht beim Feinschliff. Überschriften werden auch nicht von denen gemacht, die die Artikel bearbeiten. Da steht dann gerne mal “Schlimmer Schock: xxx hat Krebs” drüber, wenn sich das im Artikel eigentlich so liest: “xxx – doch kein Krebs!”
  • Persönlichkeit Kai Diekmann – Um den Bild-Chefredakteur existiert ein dichtes Netzwerk, gewoben aus politischer Agenda und persönlichen Animositäten. Die eigene Weltsicht wird uneinsichtig verfolgt, Freundschaften konsequent ausgenutzt, Feindschaften mit Hingabe gepflegt. Dabei hilft sicherlich, dass Diekmann jedwede Ironie über seine Sicht der Dinge abgeht, so Niggemeier.
  • Neoliberal-konservativer Politikteil trifft auf Leser aus dem Arbeitermilieu – Die eigentliche Schizophrenie der Beziehung zwischen der Bild und ihren Lesern ist, dass konsequent die Position der Bosse vertreten wird. Steik als demokratisches Mittel im Arbeitskampf? Ja, bloß nicht jetzt, wo es doch die wirtschaftliche Gesamtlage gefährden könnte…
  • Beharren auf Meinungsführerschaft – Wer nimmt die B.Z. ernst? Niemand. Gegen die Bild dagegen will sich niemand stellen. Trotz konstant sinkender Leserschaft ist der gefühlte Einfluss weiterhin hoch. Gegen die Bild kann man nicht regieren, glauben die Einflussreichen. Ob die Leser die Meinung der Bild dagegen für so wichtig erachten, steht auf einem anderen Blatt. Aber die antizipierte Meinungsführerschaft reicht aus um das System am Leben zu erhalten – die Bild muss gar nicht mehr drohen, die Angst vor ihrer Kampagnenmacht reicht, um alle nach Diekmannns Pfeife tanzenzu lassen. Das gilt für Politiker wie für Promis. Entweder man macht mit oder man wird totgeschrieben, also macht man gleich mit.

Und warum die ganze Aufregung? Weil was heute in Bild steht, morgen überall zu lesen ist. Und darum ist Bild kein reines Boulevard-Blatt. Dafür spielt zuviel wirtschaftliche und politische Einflussnahme in die Berichterstattung, ist die eigene Wertschätzung viel zu hoch, ist die Wahrnehmung der Zeitung durch andere Medien und Politik viel zu verzerrt. Denn letzendlich kommentiert der Boulevard das Establishment aus dem Off – er verkörpert nicht das Establishment.

Offen blieb leider nur, womit die Bild jetzt konkurriert: Dem Internet, dem Fernsehen oder anderen Zeitungen.