Wie das PR in die PResse kommt und was wir dagegen tun können

Eigentlich eine Platitüde: Das Internet schafft neue Öffentlichkeiten. Was das aber neben Bürgerjournalismus und Blogosphäre auch bedeutet, illustriert ein gemeinsamer Bericht von ProPublica und dem Columbia Journalism Review in aller Dringlichkeit. John Sullivans True Enough ist ein lesenswerter Überblick über die zweite Blüte der PR-Industrie im digitalen Zeitalter.

Eines wird sehr deutlich: Der digitale Wandel eröffnet nicht nur neue Arenen für den öffentlichen Austausch, er verändert auch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Diese Tatsache zeigen beispielsweise Robert McChesney und John Nichols auf, in dem sie die Zahl der Journalisten in den USA mit der Zahl der PR-Agenten vergleichen. 1980 kamen auf 100.000 US-Einwohner 45 PR-Agenten und 36 Journalisten. 2008 waren es 90 PR-Agenten und nur noch 25 Journalisten.

Hauptberufliche Journalisten im Vergleich mit PR-Arbeitern

Die Klage über die Abhängigkeit journalistischer Organisation von der Handfütterung durch PR-Kontakte ist natürlich nicht neu. Neu ist, dass die PR-Agenturen keine willfährigen Journalisten mehr benötigen, um den Standpunkt ihrer Auftraggeber der Öffentlichkeit zu verkaufen. Genau wie die viel gepriesenen Bürgerjournalisten bedient sich die PR-Maschinerie digitaler Distributionskanäle, um in direkten Kontakt mit dem Ziel ihrer Botschaften – an uns, die Konsumenten und Wähler – zu treten.

Leonard Downie Jr., ehemaliger Journalist Washington Post formuliert im Artikel diese Einsicht so:

“Let’s take a hypothetical situation in which there had been no reduction in the media; at the same time, there still would be growth in the ability of public relations people to directly reach the public. They are filling a space that has been created digitally.”

Ein digitales Vakuum also, das von der PR-Industrie mit Luft gefüllt wird. Was offen bleibt, ist die Frage, wie der Übermacht kommerzieller Interessen in der Öffentlichkeit entgegen zutreten ist. Eine mögliche Ableitung: In den USA muss die (finanzielle) Krise des professionellen Journalismus konsequenterweise als Aufforderung an die Zivilgesellschaft verstanden werden, ihren Kampf um die öffentliche Sphäre zu verstärken.

Die Crux ist: Die neuen Veröffentlichungsfreiheiten, der Tanz auf dem Grab der Gatekeeper, die Euphorie über eine wahrhaft demokratische, weil vernetze Öffentlichkeit - all diese digitalen Möglichkeiten beinhalten zugleich die Verantwortung, sie zu nutzen. Die Zivilgesellschaft, wir alle, werden nicht umhinkommen, uns an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen. Und zwar nicht als passive Konsumenten von Meinungen, sondern als aktive Lautsprecher.

Viel wurde und wird über das rückständige Selbstbild der Journalisten gejammert: Zu hochnäsig, zu wenig Dialogbereitschaft, nehmen ihre Leser und deren Fachkenntnisse nicht ernst, verschanzen sich hinter ihren Redaktionsschreibtischen. Kurz: Das Publikum ist plötzlich auf Augenhöhe und die Journalisten haben es verschlafen.

Vielleicht ist es an der Zeit, auch mal über das Selbstbild der Mediennutzer nachzudenken. Wie heißt es so schön bei Clay Shirky? “Everyone is a Media Outlet”. Nur: Nehmen wir das auch ernst? Haben die “Menschen, die früher nur im Publikum saßen” (Jay Rosen) ihre neue Rolle als Medienmacher schon wahr- und angenommen?

Denn den 25 einsamen Journalisten muss jemand an die Seite gestellt werden. Klar, niemand kann verlangen, dass Max Mustermann bloggen als neues Hobby entdeckt, zumal nicht auf dem Niveau eines hauptberuflichen, ausgebildeten Journalisten. Aber: Man kann Initiativen wie ProPublica unterstützen, sich bei Flattr anmelden, Nachrichtenströme aggregieren und kuratieren, den eigenen Facebook-Feed nicht zu einer Ansammlung von Katzen-Clips verkommen lassen. Getreu dem Motto: “Sharing is Caring”. Jeder hat etwas zu sagen. Und sich einbringen ist so einfach, man kann flattern, liken, tweeten und neuerdings auch plussen. Wenn wir von uns selbst diese Teilhabe nicht einfordern, versinken wir eines Tages im PR-Strom.

(Zugegeben, in Deutschland, dem Land des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, stellt sich die Situation nicht so drastisch dar wie in den USA. Wie sich dieser Befund als Argument in der Diskussion um die öffentlich-rechtliche Expansion im Internet auswirkt, darüber denken wir ein anderes mal nach.)

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